Vitamine, Zellulose & Co – Mangelkrankheiten bei Meerwasserfischen

Neben den allgemein bekannten Pünktchenkrankheiten (Oodinum, Cryptocaryon und Lymphocystis) sind am häufigsten verschiedene Mangelkrankheiten wie Ausbleichungen entlang der Seitenlinien (am Kopf beginnend), Schuppenverlust, später Löcher und Flossenschwund zu nennen. Diese Krankheitsbilder wurden zuerst in Fischaquarien von öffentlichen Schauanlagen beobachtet. Als Ursache wurde ein Vitaminmangel diagnostiziert, der aber bei der dortigen abwechslungsreichen Fütterung nicht auftreten sollte. Nachdem die Symptome nach 1990 auch in privaten Riffaquarien mit gutem Korallenwachstum auftraten und die Aquarianer sehr abwechslungsreich und vitaminreich fütterten, wurde über Vergleiche der Pflegebedingungen zumindest eine Ursache der Krankheitsbilder deutlich. Alle Aquarien wurden mit großen Mengen Aktivkohle im Dauereinsatz betrieben. Bei J. ROTH [pers. 1995] starben alle Doktorfische (Acanthurus japonicus, A. leucosternon, Paracanthurus hepatus, Zebrasoma flavescens, Ctenochaetus strigosus) nach einer 5-jährigen gemeinsamen Pflege, als er eine größere Menge Kohle neu einsetzte. Die Tiere bekamen die typischen Mangelerscheinungen wie Flecken und Löcher – später auch Pünktchenbefall infolge der Schwächung.
HLLE bei A dussumieri Anfangsstadium
HLLE  bei A  dussumieri Anfangsstadium

Das Krankheitsbild (im amerikanischen HLLE – head and lateral line erosion [COLLINS 1995]) wird als Vitamin-A-Mangel beschrieben. Es beginnt meist an den Poren der Seitenlinie und Vitamin-A (= Retinol) ist unter anderem für die Funktion der Epithelzellen von Poren, Drüsen und Membranen verantwortlich. Aus der Forellenmast kennt man Hautlöcher und Flossenschwund als Folge von Vitamin-A-Mangel. Aber auch ein Vitamin-B2-Mangel bewirkt Nekrosen an Kiemen, Kiemendeckeln und Flossenrändern sowie großflächige Schuppenverluste [STEFFENS 1988]. Sowohl Vitamin-A- als auch Vitamin-B2-Mängel äußern sich zusätzlich im schlechten Wachstum und leider sind viele Aquarienfische auch “zwergwüchsig”. Einen weiteren Hinweis gibt BASSLEER [1991] der die “Lochkrankheit” bei seinen untersuchten Fischen auf einen extremen Befall innerer Organe mit einem Parasiten (Hexamita oder Spironucleus – keine eindeutige Identifikation) zurückführte. Die Verdauung wird gestört, so dass u.a. Vitamine nicht mehr aufgenommen werden können. Alle Autoren sind sich jedoch einig, dass einmal aufgetretene “Löcher” durch Sekundärinfektionen (Bakterien) bei schlechter Wasserqualität weiter verstärkt werden.

Zebrasoma flavescens Vitamin K-Mangel
Zebrasoma flavescens Vitamin K-Mangel

 

Ende der 1990-er Jahre vermehrten sich Vermutungen, dass Fische, die sehr stark mit Antibiotika beim Import behandelt wurden, gleichfalls empfänglich für derartige Mangelkrankheiten sind. Auch hier ist eine Schädigung von Membranen im Verdauungstrakt oder auf der Haut eine Ursache für spätere Vitaminmangelzustände. Die intensive Kohlefilterung verstärkt dann diese Effekte. Angesprochene Fangstationen und Importeure reagierten sehr scharf auf diese Vermutungen der übermäßigen Antibiotikabehandlungen – keiner wollte plötzlich Antibiotika eingesetzt haben. In dieser Zeit zeigte sich auch ein neues Krankheitsbild, welches auf zu hohe Antibiotika-Dosen zurückgeführt wurde. Ganze Lieferungen vom Gelben Segelflossen-Doktorfisch (Zebrasoma flavescens) bekamen eigenartig ausgefranste Flossenenden. Es sah aus, als hätten andere Fische die Flossen außen abgeknabbert. Nach wenigen Tagen gingen diese Fische meistens ein, obwohl die Tiere gezielt mit verschiedensten Präparaten behandelt wurden. Bis heute gingen diese Mangelerscheinungen bei importierten Fischen wieder zurück, nachdem das Dilemma damals veröffentlicht wurde. Einen deutlichen positiven Effekt zeigten hier auch die Haltungsrichtlinien des MAC (Marine Aquarium Council), der solche übermäßigen Antibiotikabehandlungen untersagte.
Als Maßnahmen den Vitamin-A-Mangel (HLLE) zu bekämpfen (erste Stadien – Verfärbungen im Kopfbereich) bzw. einzudämmen (tiefe “Löcher” vernarben), empfiehlt sich eine Entfernung der Aktivkohle und die reichliche Gabe von Grünfutter. Vitaminreiche Futtersorten sind fein geraspelte Möhren, Banane und Feldsalat oder man vitaminisiert Artemien, indem sie vor dem Verfüttern mit “Summavit” aus der Apotheke oder einem handelsüblichen Vitaminpräparat aus dem Zierfischhandel (z.B. V-MAXX Marinus von Dennerle, Dupla-Vit, eSHa Mineroll, JBL Atvitol) durchmischt werden. Berliner Meerwasseraquarianer setzten erfolgreich ein spezielles Forellenfutter (Pellets) ein.

Die Ursachen für Mangelkrankheiten fassten FRISCHE & BARCHET [1999]) wie folgt zusammen:

  • qualitativ und quantitativ falsche Fütterung,
  • äußere und innere parasitische Erkrankungen (v.a. der Schleimhäute)
  • extreme Schwankungen von Wassertemperaturen, pH-Wert, Dichte und Sauerstoffgehalt
  • allgemein schlechte Wasserqualität (hohe Nitrat-, Phosphatwerte, Schwermetalle usw.)
  • Antibiotikabehandlungen
  • psychische Belastungen, durch Aggressionen einzelner “Raufbolde”
  • zu hohe Fischdichten in zu kleinen Aquarien
  • plötzliche und/oder starke Kohlefilterung

Schuppenverlust bei A sohal als Folge von
Vitamin B-Mangel

Schuppenverlust bei A  sohal als Folge von Vitamin B-Mangel

Im Folgenden werden verschiedene weitere Krankheitsbilder insbesondere vom Gelben Segeldoktorfisch (Zebrasoma flavescens) beschrieben. Dies liegt daran, dass dieser, der am meisten gepflegte Doktorfisch in der Aquaristik ist. Alle anderen Fischarten können solche Krankheiten auch bekommen, nur werden diese seltener gepflegt und man wird diese Krankheitsbilder nicht zuletzt wegen der Färbungen schlechter erkennen.
Beim Gelben Segeldoktorfisch finden sich mitunter rote Äderchen unter der Haut, die auf Gefäßkrankheiten (schlechte Durchblutung) hindeuten. Die Fische fressen normal, zeigen jedoch im fortgeschrittenen Stadium Einbuchtung des Körpers von der Seitenlinie bis zum Bauch. So richtig dick werden sie nicht. Hier tritt ein Vitamin-K-Mangel auf. Vitamin K ist daran beteiligt, die Blutgerinnungssubstanzen in ihre gerinnungswirksamen Formen zu überführen. Ihre biochemische Aktivität im Gerinnungssystem liegt darin, die wesentlichen Funktionen beim Ablauf der plasmatischen Gerinnung zu steuern. Versagen sie, finden sich – wie beim Menschen auch – bei Fischen rote Äderchen unter der Haut [SCHURGERS et al. 2001]. Außerdem führt der Vitamin-K-Mangel häufig zu Kalkablagerungen in den Äderchen, wodurch Blutungen begünstigt werden. Geklärt werden müsste allerdings bei Meeresfischen noch der Effekt von ω-3-Fettsäuren, die solchen Verkalkungen entgegenwirken. Bei einem Mangel dieser Fettsäuren im Futter können solche roten Äderchen im Fisch auch häufiger auftreten. Zum Glück für den Pfleger kann man beiden Effekten mit einem deutlich höheren Grünfutteranteil entgegensteuern. Folgende Lebensmittel enthalten Vitamin K: Zwiebeln, grünes Gemüse wie Kohl, Spinat, Kohlrabi und Salat, wobei Mangold besonders viel Vitamin K enthält. Als Futterzusatz wird Korvimin ZVT empfohlen, welches bei Vögeln eingesetzt wird (nicht zu viel – enthält Phosphate, d.h. Messerspitze).Unerklärlich blieb allerdings ein Fall mit einem Zebrasoma flavescens mit solch roten Äderchen. Nachdem der Fisch nach einjähriger Pflege erstmals ein Salatblatt gefressen hatte (vorher nur diverse Flocken- und Granulatfutter sowie Frostspinat), lag er am nächsten Morgen tot im Aquarium. Er war über Nacht so stark abgemagert, dass man die Gräten zählen konnte und der Fisch war völlig ausgedörrt und hart. Ähnliches passierte im Zoohandel bei einem vom Autoren betreuten Import von Zebrasoma flavescens von Hawaii, die allerdings nicht diese roten Äderchen zeigten. Man hatte den Eindruck, als ob die Ionen-Pumpen der Haut plötzlich versagt hätten und die Fische durch den plötzlichen 100 %-igen Süßwasserverlust ausgedörrt wären. Die Ionen-Pumpen sind für das Ausscheiden von Salzen aus dem Fischkörper und im Gegenzug für die Aufnahme von Wasser verantwortlich. Warum dies passierte, ließ sich leider nicht nachvollziehen – ein Funktionsverlust der Porenmembranen (damit Bezug zu Vitamin A) ist jedoch sehr wahrscheinlich.

Calloplesiops altivelis mit HLLE

Calloplesiops altivelis mit HLLE

Gelegentlich tritt eine weitere “Krankheit” auf, die mit einem Futterwechsel zu mehr Grünfutter offenbar erfolgreich “behandelt” werden kann. Zebrasoma flavescens bekommen, wenn nur Frost-Artemia oder Flockenfutter gefüttert werden, rote Schuppen, Rotverfärbungen in den Flossen und sehen manchmal aus wie rot bepudert. Auch hier wird Vitamin-K-Mangel vermutet – Untersuchungen dazu finden sich nicht. Ob ein Zusammenhang mit den beschriebenen roten Äderchen besteht, ließ sich nicht nachvollziehen. Eine Fütterung mit einem Spirulina-Trockenfutter lies diese Verfärbungen wieder verschwinden [J. RATHJE pers. 2011]. Allerdings kann es sich dabei auch, ähnlich wie beim Rosa der Flamingos, um eine Einfärbung handeln, die auf die Algennahrung in den verfütterten Artemia zurückzuführen ist – dann wäre es auch keine Krankheit.
Ein gleichfalls gelegentlich auftretendes Krankheitsbild, welches mit viel Grünfutter korrigiert werden kann, sind Ausbleichungen der Haut und der Flossenränder. Auch hier ist die Ursache noch unklar.Einige aktuelle Beobachtungen zeigen, dass auch Vitamin D bei Meerwasserfischen eine Rolle spielen kann. Auf das Thema bin ich aufmerksam geworden, als Werner MENZEL bei einem Besuch in seiner Importanlage in Büchenbach davon sprach, dass sich ein Zebrasoma xanthurum mit degenerierten Flossensäumen nach dem Umsetzen in ein besser beleuchtetes Becken deutlich erholt hat. Kurz darauf bemerkte ich den gleichen Effekt bei einem Zebrasoma xanthurum in einem 600-Liter Schau-Aquarium. Der Betreiber (in einem China-Restaurant) beleuchtete das Becken mit einem blaubetonten 400 W-HQI-Strahler sowie 4 Stück T8-Leuchtstoffröhren (Blau). Die HQI war jedoch offenbar bereits mehrere Monate defekt, so dass sie nicht bei voller Helligkeit strahlte und der Betreiber hatte dies nicht registriert. Das ganze Problem wurde aktuell, da der Doktorfisch immer mehr Farbe verlohr, abmagerte und die Flossen wie angeknabbert aussahen (degenerierter Flossenschwund). Als Ursache ist ein Vitamin-D-Mangel sehr wahrscheinlich, wie er auch bei Reptilien bei mangelnder Beleuchtung in Terrarien auftritt und dort zu degenerierten Knochenwuchs führt. Vitamin-D wird im übrigen auch beim Menschen durch das Sonnenlicht beeinflusst, so dass Knochenerkrankungen im “dunklen” Winter häufiger auftreten als im Sommer. Nach dem Brennerwechsel erholte sich auch dieser Zebrasoma deutlich, die Körpermasse nahm wieder zu und die Flossenränder verheilten und rundeten sich zusehends. Ganz wurde der ursprüngliche Flossenrand in den vergangenen 3 Monaten jedoch noch nicht wiederhergestellt.

HLLE bei Ctenochaetus hawaiiensis fortgeschritten

HLLE bei Ctenochaetus hawaiiensis fortgeschritten

Ein relativ neuer Aspekt in der Diskussion um Mangelkrankheiten ist die Funktion von Zellulose im Fischmagen. Durch Armin GLASER vom Vivarium Karlsruhe bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass ja Zellulose bei den Mangelerscheinungen auch eine Rolle spielen könne, da eben in diesen Einrichtungen auf die Vitaminzugabe besonders geachtet wird. Aber es wird nur wenig Grünfutter gereicht. Bisher konnte jedoch keiner der angefragten Fisch-Ernährungswissenschaftler die Bedeutung von Zellulose oder zelluloseartiger Substanzen in Algen für die Fischverdauung erklären.Ich möchte mal versuchen, das Problem aus sicht vom Algenblenny (Salarias fasciatus) darzustellen:
Dieser Schleimfisch frisst in der Natur nur Turfalgen mit dem kargen tierischen Aufwuchs darin. Bekommt er im Aquarium zu viel tierisches Futter, geht er ein (eine Art Verstopfung). Warum ist der Blenny im Aquarium “gezwungen” Algen zu fressen, wenn er doch seinen Energiebedarf (einschließlich Vitamine) theoretisch über tierische Nahrung decken könnte? Die Zellulose als Ballaststoff bzw. die zelluloseverdauenden Mikroorganismen sollten hier eine wesentliche Rolle spielen.
In der Literatur finden sich einige interessante Denkansätze:
Z.B. wurden Brackwasser-Räuber (Indischer Buntbarsch Etroplus suratensis und der Seebarsch Lates calcarifer) in Aquakulturen statt mit teuren Fischmehl-Produkten mit billigeren pflanzlichen Mehlen gefüttert. Um diese – und insbesondere den Celluloseanteil – besser aufschließen zu können, wurden Cellulaseenzyme beigemischt, die bewirkten, dass Versuchsgruppen mit Cellulase im Futter besser abwuchsen als Vergleichsgruppen ohne die Cellulase. Die Cellulase-Enzyme werden bei Pflanzenfressern im Magen durch Bakterien hergestellt, welche bei Räubern fehlen. D.h. Räuber beziehen ihre gesamte Energie vorwiegend aus proteinreicher Nahrung und Fetten, während Pflanzenfresser den Großteil ihrer Energiereserven aus dem Abbau der Cellulose zu Zuckern beziehen.
Wenn jetzt ein streng pflanzenfressender Fisch keine Cellulose bekommt und nur noch tierische Nahrung zu sich nimmt, fehlt ihm die Hauptenergiequelle und er bekommt offenbar die Mangelerscheinungen, da die tierischen Proteine ihm zu wenig Energie liefern (kann er eventuell die höheren Fettgehalte in Verbindung mit den Proteinen in der tierischen Nahrung nicht verwerten?).

Zebrasoma desjardii-Mann Wildfang
mit natürlicher Darmfüllung

Naso lituratus Darm nach langer Flockenfütterung im Aquarium

Zebrasoma desjardii-Mann Wildfang mit natürlicher Darmfüllung

Naso lituratus Darm nach langer Flockenfütterung
im Aquarium

Was passiert aber mit den cellulasebildenden Mikroben im pflanzenfressenden Fisch, wenn er keine Algen bekommt? Brechen die Populationen im Fischmagen zusammen? Können diese Mikroben für den Fisch gefährlich werden, wenn sie keine “Arbeit” haben? Entstehen durch die höheren Proteinanteile oder Fette Koliken (der Salarias bläht bei alleiniger Fütterung mit Kleinkrebsen auf und stirbt oft an einer Art Verstopfung)?
Importierte Doktorfische magern im Zoohandel erst einmal stark ab. Wir “starten” in der Aquaristik deren Verdauung durch gezielte Grünfuttergaben und durch das Zusammensetzen mit eingewöhnten Doktorfischen (Doktorfische fressen häufig den Kot – eigenen und den anderer Fische).

Soweit erst einmal meine Gedanken, mal sehen ob ich noch was rausfinde (leider fehlen wirklich Untersuchungen an reinen Meeresfischen). Dann werde ich den Beitrag ergänzen.

Wer noch mehr über die besondere Verdauung, Krankheiten und die Pflege insbesondere bei Doktorfischen lesen will und die Quellenangaben recherchieren möchte, dem verweise ich auf mein aktuelles Buch “Doktorfische – im Korallenriff und im Aquarium” (Pro BUSINESS GmbH, Berlin, 2013, ISBN 978-3-86386-478-1). Daraus stammt auch ein Großteil der hier zitierten Texte zu den Vitamin-Mangelkrankheiten.
Autor: Andre´ Luty